Aus Walter Krämers Rezension: Ein monumentaler Staatsroman
Der Roman lebt von vielen Dingen. Da sind zum einen die gekonnten Charakterzeichnungen seiner zahlreichen Protagonisten. Etwa Reichskommissar Severing, der „hohe Bevollmächtigte der abgesetzten Regierung für so etwas wie Aufstandsangelegenheiten.“ Der ist zu Besuch bei General Watter in Münster und trinkt mit diesem Kaffee.
Severing spürte mit der Unterlippe, dass vom Rand seiner Tasse ein Stückchen Porzellan abgesprungen war; er fuhr mit der Zungenspitze über die Fehlstelle: eine kleine dreieckige Kerbe. Steckte Absicht dahinter? Hatte man ihm bewusst eine schadhafte Tasse hingestellt, um ihm zu bedeuten, dass er nur ein Zivilist war? Severing beschloss, nichts bemerkt zu haben. (II, 176).
Hensel beschreibt das, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, genauso meisterhaft wie das, was sie tun. Literarische Naturalisten wie Arno Holz oder Émile Zola hätten ihn sicher gerne als Kollegen aufgenommen. Dann aber gibt es auch immer wieder surrealistische Szenen, etwa wenn Heinrich Heine nachts den Dr. Rinkendeel besucht, wo die Wirklichkeit in das Traumland übergeht. „Man kommt jung und idealisierend dort an am Frauenplan“ resümiert Heine seinen Besuch bei Goethe, „begierig, dem Weltpoeten unter die großen Augen zu treten, und findet einen steifen Bürovorsteher vor – fehlte nur noch, dass er einen grauen Staubkittel getragen hätte.“ (I, 131)
Bestechend auch die Sach- und Menschenkenntnis des Autors. Wie Hensel etwa das zwischenmenschliche Mentalgefüge des weiblichen Bedien-Personals der Kantorei beschreibt, könnte in jedem Psychologielehrbuch als Anschauung herhalten. Viele Tatorte, etwa die Kantorei und ihren berühmten Vorratskeller, hat er Jahrzehnte später selbst in Augenschein genommen, er hat Zeitzeugen interviewt (im Roman eingefügt) und in Universitätsseminaren seine Sicht der damaligen Ereignisse zur Diskussion gestellt. Immer wieder findet man im Roman persönliche Reminiszenzen an diese Recherchen eingefügt. Oder Szenen, die man nicht erfinden kann. Die muss man gesehen haben. So wie Jakob, mit einem Seitenblick auf den Hafen auf dem Müllberg herumtrödelnd:
Am Kai des Hafens lag die Hugo Stinnes 17 mit Eisenerz. Ein anderer Frachter hieß Nederlandsche Runvaartvereeniging und zog mit Kohle beladen ab. Ein dritter näherte sich mit Grubenholz, es war wieder die Stroomvaart 12. Jetzt fuhren die Frachter aneinander vorbei. Auf der Stroomvaart ging eine Frau entgegen der Fahrtrichtung zum Heck. Auf der Runvaartvereeniging tat eine andere dasselbe. Beide bewegten sich mit derjenigen Geschwindigkeit, die notwendig war, einander gegenüber zu bleiben. So konnten sie sich miteinander unterhalten. (I, 39)
Den Titel seines Monumentalwerks hat Horst Hensel aus dem alten China. Dort unterhielt der Staat um die Zeitenwende herum ein Monopol auf Salz und Eisen. Das bremste jedoch die Produktion, und man diskutierte hin und her, ob es nicht abzuschaffen sei, bis ein neuer Hunnen-Einfall drohte. „Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Gespräch längst schon von seinem Anlass gelöst und die konjunktional gebundenen Namen für das Mineral und das Metall begannen, als Überschrift für so manches Staatsgespräch zu taugen. Auch als Titel für einen Staatsroman?“ (I, 13)
Hier ist er, der Staatsroman.