Von Tenderlok – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85137638

Schwarz mit einer roten Pufferbohle, auf roten Rädern und mit einer Fahne dunkelgrauen Qualms nach hinten, so eilte sie auf ihrem Gleis durch Wiesen und Felder auf die Stadt Hamm zu, die preußische P8, die Lieblingslokomotive des Heizers Heinz Koriand. Gebückt rammte er das schmale Blatt seiner Schaufel von unten in den Haufen Kohle im Tender, hob die Schaufel beladen heraus, wobei Kohlen über die hochgezogenen Seitenkanten des Blatts zurückfielen, drehte sich mit Standbein rechts und Spielbein links in einem Halbkreis nach links, während dessen Lokführer Martin Ermland zum Klappen-Hebel griff und die Klappe der Feuerbüchse öffnete; Koriand warf seine Fracht in den lohenden Schlund: Friss weiter, Mädchen!
Horst Hensel erzählt, wie das faschistische Freikorps Lichtschlag trotz Generalstreik, wenn auch verzögert und mit Mühen, von Münster nach Wetter an der Ruhr gelangte, mit dem Ziel, dort den Arbeiteraufstand gegen die faschistische Putschregierung niederzuschlagen. Dabei spielte die oben beschriebene Lok eine Rolle. Er erzählt auch von den Siegen, die die bewaffneten Arbeiter im Bahnhof Wetter und am Dortmunder Südbahnhof über das Freikorps errangen. Zwei Beispiele für mehrere hundert Episoden des größten bewaffneten Volksaufstands in Deutschland seit den Bauernkriegen von 1525, die der Kamener Autor in seinem Mammutwerk zusammengetragen hat.
Pit fragte Jakob nach Geschwistern, danach, ob er eine Verlobte habe, wo er im Krieg gewesen sei. Jakob antwortete, er habe zwei Schwestern, sei schon Onkel, habe noch keine Verlobte, sei Kradmelder in Frankreich gewesen. Ob er auch an anderen Fronten im Einsatz gewesen sei? „Nur in Frankreich. Wir waren sozusagen das letzte Aufgebot. Dann war der Krieg schon zu Ende. Und ab nach Haus!“ Pits Augen verschatteten sich. Er lehnte sich zurück. Jakob hörte einen Schluckauf. Pit atmetet tief gegen ihn an. Als sich der Schluckauf gelegt hatte, schnaufte er aus. Immer noch zurückgelehnt, griff er mit langem Arm nach der Tasse, trank einen Schluck. Dann umfasste er die Tasse mit beiden Händen und drückte sie sich gegen den Bauch. Sein Gesicht wirkte jählings verfallen. Jakob hielt im Kauen inne. „Ab nach Haus!“ – Das hätte er auch seinen Söhnen gewünscht! Er stellte die Tasse ab, hing jetzt im Stuhl, Jakob erstarrte. Als führte er ein Selbstgespräch, teile Pit Jakob mit, dass seine drei Söhne gefallen seien, alle drei an ein und demselben Tag, am ersten November achtzehn, kurz vor Kriegsende. „Was so drei Jungs wegfressen, wenn sie heranwachsen!“ Seine Frau habe über den Tod der Söhne den Verstand verloren: jeden Abend sei sie im Schankraum umhergegangen und habe allen von ihren Söhnen erzählt; von Robert, der ein Bäcker gewesen sei, „wie ich auch, aber ich konnte den Mehlstaub nicht vertragen, also wurde ich dann Wirt“, von Richard, dem Schlosser, von Rolf, einem Klempner. Anfangs hätten die Gäste die arme Frau erzählen lassen, aber da sie jeden Abend durch den Schankraum gewankt sei, seien dann immer mehr Gäste gegangen, manche ganz ausgeblieben. „Ich konnte und wollte ihr aber nicht abraten, hab ’se doch in mei’m Herzen gehabt. Aber dann lief sie auch noch auf die Straße und erzählte es den Leuten … und den Haustüren … Seit letzten Dezember ist sie in der Krankenanstalt in Aplerbeck. Einmal im Monat besuch‘ ich sie. Aber sie is‘ ganz leer in der Birne.“ Jakob griff unwillkürlich nach seiner Stirn. „Ja, genau dort, in der Birne!“, sagte Pit und wischte sich die Augen. Jakob wusste nicht, was er sagen sollte. „Dir kann man gut was erzählen, Jakob.“ Bemüht, sich zu fangen, trank Pit seine Tasse leer, stellte sie ab, griff nach seinem Brot. Jakob kaute zu Ende, schluckte, spülte mit Muckefuck nach.
„Das wusste ich nicht“, sagte er, „das ist ja schrecklich!“
„Schrecklich?!“, brüllte Pit, schlug die Faust auf den Tisch: „Ja!“ Und kein Trost, kein Trost, kein einziger Trost, dass auch anderen Eltern die Söhne genommen worden seien vom Adelgelichter und vom Gesocks des Kapitals in den Tod getrieben worden, vom Imperialistengesindel und den Militärverbrechern, von den Kaiserhalunken! Auf Pits Lippen stand weißer Speichel, er beugte sich vor, stierte Jakob an. „Das ist übrigens ein und dasselbe: Adel, Kapital, Imperialismus, Krieg! Und unsere sozialdemokratische Partei hat denen im Parlament die Kredite für den Krieg bewilligt! Vereinigter Klassenkampf von oben! – Jedenfalls bin ich Kommunist geworden!“
Die Romankapitel im Überblick
Stimmen / Zueignung / Prolog
Erster Teil: Staatsstreich (247 Seiten)
Giv se mi, Olsche / In den Kordillen / Kommerzienrat a. V. / Wie in Ungarn / Reichskanzlei / Freier Nachmittag / Da kommt was auf uns zu / Im Gelben Schloss / Vollzugsrat / Villa Reckermann / Besuch von Heinrich Heine / Mäde, Mäde, weißt du noch / In der Reichsbank / Im Keller der Kantorei / Ein Hilferuf / Quizedell. Und Olschewsky / Auftritt Watter / Pause machen / Auftritt Severing. Bei Watter / Am Schlammkohlebecken. Im Vorwerk / Weiterhin Jakob / Rinkendeel soll ausbilden / Holzklasse mit Yul / Das Ding an sich selbst / Headquarter Coblenz / Hauptbahnhof Münster / Das Haus in der Gartenstraße. Aber Fahnenflucht? / Hauptbahnhof Münster: Immer noch / Die Kunst des Ausweichens
Zweiter Teil: Rote Erde (542 Seiten)
Wetter / Dortmund / Essen / Wesel / Pelkum
Dritter Teil: Halsgericht (267 Seiten)
Karfreitag / Das Hochzeitsessen / Auf Zeche / Wie der Teufel an der Liebe scheitert / Stacheldraht / Kartoffelkarawane / Gleichauf der freien Frau / Touristen / Subbotnik im Geheimgangsgarten / Katarakt / Kredit für Frau Katharina / Zumindest die Todesstrafe / Zum Vorwerk / Besetzung einer Stadt / Geheimsitzung / Die Nacht des Präsidenten / Sie kannte von allem den Preis / Nach Sheffield / Mundraub / Lieber Friedrich, Dein David / Beerdigungen / Staatsgeschäfte / Möbeln und Schwan / Die Kehre / Das Cabinet des Dr. Caligari / Wieder Brauer sein / Der Tango der Herren / Ek will se nich mehr, Olsche
Einige Personen des Romans
in der Reihenfolge ihres Auftretens. Die meisten sind fiktiv. Reale Personen der Geschichte sind verlinkt. RRA: Rote Ruhrarmee
Auguste Kalinna d. Ä. (die alte Kalinna), Eierhändlerin * Alfred Schulte, Bergmann und Mitglied des Vollzugsrats * Henriette Schulte, seine Tochter, Hilfsköchin in der Kantorei, mit Jakob liiert * Katharina Felgenhauer, Pächterin der Kantorei * Jakob Tannzapfl, arbeitsloser Bierbrauer, mit Henriette liiert, Kradmelder der RRA * Knepper, Schlossermeister * drei Jungen * Rinkendeel, Arzt * Daniel Kerzenschein, Verleger * Auguste Kalinna d. J., Bedienerin in der Kantorei * Heinrich Kampnagel, Arbeiter und Mitglied des Vollzugsrats * Heribert Mundgrube, Arbeiter * Ignaz Trebitsch-Lincoln, Hochstapler und Pressesprecher der Putschregierung in Berlin * Wolfgang Kapp, Putschkanzler in Berlin * Walther von Lüttwitz, General der Infanterie und Putschist in Berlin * Gisa Malewski, Krankenschwester und Freundin Henriettes * Henriettes Mutter * Paul Balser, Bierkutscher in Berlin * drei junge Bahnarbeiter in Berlin * ein Leutnant und zehn Soldaten der Reichswehr in Berlin * Stiepe Melvedin, Arbeiter, Sozialdemokrat, Mitglied des Vollzugsrats * Ernst Bracke, Arbeiter, Mitglied des Vollzugsrats * Klara Schröder, Buchhändlerin * Otto Droste, Redakteur der Arbeiterzeitung * Paul Krüger, Arbeiter und Mitglied des Vollzugsrats * Bernhard Fegebank, Arbeiter und Mitglied des Vollzugsrats * Karl Kroll, Arbeiter und Mitglied des Vollzugsrats * Wolfgang Reckermann, Rechtsanwalt * Gisela Reckermann, seine Frau * Kabelberg, Unternehmer * Bassenge, Unternehmer * Cannstadt, Technischer Direktor * Heinrich Heine, Dichter im Jenseits * Rudolf Havenstein, Reichsbankpräsident * Mimi, Bordellbesitzerin * Olschewsky, Hausmeister des Bordells * Oskar von Watter, Generalleutnant der Reichswehr in Münster * Carl Severing, Sozialdemokrat, preußischer Innenminister, Reichskommissar im Ruhrgebiet * Familie Reimann, Arbeitslose im Vorwerk * Berkemeier, Arbeiter im Vorwerk * Eugeni Xammar, spanisch-katalanischer Journalist * Giulietta (Yul) Mille Fleurs, Malerin * Wilhelm Meisegang, Student der Philosophie, Soldat in der Brigade Epp * Henry T. Allen, amerikanischer Generalmajor, Militärgouverneur in Koblenz * Otto Lichtschlag, Hauptmann, Kommandant des Freikorps Lichtschlag in Münster * Otto Hasenclever, Hauptmann des Freikorps Lichtschlag in Münster und Wetter * Hofmann, Pförtner des Bordells * Heinz Koriand, Heizer einer Lokomotive * Martin Ermland, Lokführer * Helmut Kleinemelkenweg, Soldat im Freikorps Lichtschlag * Paul Kranz, Diener von Hauptmann Hasenclever * Lejeune, Leutnant im Freikorps Lichtschlag * Alfred Massek, Arbeiter, RRA Wetter * Winkelmann, Bürgermeister von Wetter * Mehl, Leutnant im Freikorps Lichtschlag * Cuno, Oberbürgermeister von Hagen * Grimschat, Arbeiter, RRA Wetter * Rita Domin, Fotografin in Dortmund * Jakob Domin, Ritas Vater, Fotograf und Demokrat in Dortmund * Adolf Meinberg, Arbeiter und KPD-Vorsitzender in Dortmund * Hans Tombrock, Zeichner und RRA-Kämpfer in Dortmund * Theo Dämmerstein, Arbeiter und USPD-Vorsitzender in Dortmund * Pit Kaczmarek, Gastwirt und Kommunist in Dortmund * Erich Sandmann, Bergmann und RRA-Kämpfer in Dortmund * Gerd Baltruschat, RRA-Kämpfer in Kamen * Max König, Sozialdemokrat und Regierungspräsident von Arnsberg * Dr. Stock, Redakteur des Dortmunder Generalanzeigers * Lotte Gebhardt, Sekretärin im Dortmunder Stadthaus * Anton Kalt, jugendlicher RRA-Kämpfer in Dortmund
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