Der Generalstreik beginnt

Aus Walter Krämers Rezension: Ein monumentaler Staatsroman

In Hensels Buch beginnt diese epische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit auf Seite 47. Der Arzt Dr. Rinkendeel, Schüler des Mediziners Rudolf Virchow, trifft sich mit Kommerzienrat Kerzenschein in „Schäfers Kantorei“ (später meistens nur noch „Kantorei“) zum Mittagessen. Diese ist sozusagen das geometrische Zentrum des Romans, zu dem die Handlung immer wieder zurückkehrt. Die Wirtin, für alle inklusive des Autors immer nur respektvoll „Frau Katharina“, verwitwete Frau Felgenhauer, verkörpert den bürgerlichen „Normalmenschen“, der sich so gut und anständig er kann in guten wie in bösen Zeiten durchzuschlagen sucht. So beantragt sie noch mitten im Kampfgetöse einen Kredit zur Aufhübschung ihres Anwesens.

Sie hatte sich das graue Kostüm angezogen, den kleinen grauen Hut aufgesetzt; in der Linken trug sie die kleine blaugraue Handtasche, in der Rechten das Paar blaugrauer Seidenhand­schuhe. Zur vereinbarten Zeit betrat sie die Niederlassung der Deutschen Bank […] „Also, der Kredit für die Elektrifizierung Ihrer Beletage“, wandte sich Mellmann an Frau Katharina, „und für die Malerarbeiten eins obendrüber.“ (III, S.129.

Und als rundherum Blut zu fließen beginnt, fließt in ihrem Gästezimmer der Tapetenkleister. Wie ferner erst 1000 Seiten später bekannt werden wird, ist Katharina auch Gegenstand einer großen und heimlichen Liebe seitens Dr. Rinkendeel, welcher der von marodierender Reichswehr irrtümlich Erschossenen den Totenschein ausstellen soll (es aber nicht tut).

Rinkendeel „hatte seine Praxis und seine Wohnung am Obernmarkt, neben dem Zeitungshaus Kerzenschein & Cie. und gegenüber der Kantorei: bequem für ihn; es war eine Gegend, wo die alten Viertel und die neuen ineinander übergingen.“ Aber welche Viertel und welche Stadt bleibt offen. Nach etwas Geschäker mit der Kellnerin Auguste wollen Rinkendeel und Kerzenschein zu essen anfangen. Aber sie kommen nicht dazu. „Kerzenschein erstarrte, mit ihm Rinkendeel. Auguste schlug sich die Hände vor den Mund. Die Sirenen der Fabriken und Zechen heulten Alarm.“

Generalstreik.

Sie hasteten die Werkshallentore hinaus, die Kaue ihrer Zeche, hasteten die Treppe ihrer Hängebank hinab, die der Ofenbühne ihres Stahlwerks, wobei die Sohlen ihrer Schuhe, Stiefel und Holzschuhe so laut klapperten, dass es einigen vorkam, als hörte die ganze Stadt, dass sie in den Ausstand traten, kaum, dass die Morgenschicht beendet worden war. (I, 47)

Schon hier deuten sich die kommenden Blutbäder an:

Hin und wieder scherten jetzt einige vor ihnen und neben ihnen aus der Tausenderschar [der streikenden Arbeiter] aus, wohl, um sich abzusetzen, dachte Rinkendeel, zum Versteck, wie Jakob annahm, jäh peinlich berührt, dem Versteck im Kohlenkeller, im Garten, im Taubenschlag, auf dem Dachboden, am Bahndamm oder in irgendeiner Ruine, bei manchen gar im Kleiderschrank, wo auch immer sie ihr Gewehr lagerten, die Munition dazu, beides in Ölpapier eingewickelt, die Waffe, die sie aus dem Krieg mitgebracht hatten. (I, 51)

Dies ist zugleich einer der ersten Auftritte von „Jakob, Nachname Tannzapfl, einundzwanzig Jahre alt, Bierbrauer und Sohn eines Meisters dieser Kunst“, wie Rinkendeel ein wichtiges humanes Bindeglied des weitverzweigten Geschehens. Anders als Rinkendeel ist er offen verliebt, und zwar in seine Henriette, „gern morgenschön mit ihrem roten Haar, den grünen Augen, dem Wurf blasser Sommersprossen im Gesicht; damals war sie Hilfsköchin in Schäfers Kantorei.“ Er wird noch viel herumkommen und das ein oder andere Fräulein kennenlernen. Außerdem besitzt er ein Motorrad und darf für die Revolutionäre Botenfahrten und Meldegänge übernehmen. Und wie Rinkendeel gewahrt auch er den Beginn des Dramas, auf einem Müllberg herumdösend, eher nebenbei: „Unten hatten sich Arbeiter um einen Mann versammelt, der auf sie einredete. Die zwei, die eine Schüppe in der Hand hielten, warfen sie auf den Boden. Gemeinsam gingen sie auf die Mannschaftsbaracke zu. Was war dort los?“ (I, 40). 

Man ahnt, was kommt, aber die Lage eskaliert zunächst nur zögerlich.

In der Bäckerei Dormann Ecke Veldernweg und Graben schrieb Frau Dormann eine Beschwerde zu Händen des Arbeiter- und Soldatenrats, Schäfers Kantorei, Obernmarkt, weil in der Frühe um sechs Uhr ein halbes Dutzend unbekannter Männer sechs Roggenbrote beschlagnahmt und mit der Bemerkung „das Rathaus zahlt!“ den Laden verlassen hatten. (I,  261).

Und auch der Generalstreik beginnt eher verhalten:

Auf der Marktseite gegenüber der Kantorei schloss Emmi Hartig die Tür zu Rinkendeels Praxis auf, trat ein, schloss hinter sich ab, ging die Treppe hinauf. Würde er schon wach sein? Im Lager des Porzellan­handels der Brüder Kirsch stand der vierzehnjährige Laufbursche Paul Polte mit vor der Brust verschränkten Armen vor dem alten Kirsch und verkündete ihm seine Teilnahme am Generalstreik. Der Alte knallte ihm eine. (I, 266)

Damit endet der erste Band.

Fortsetzung: Dann wird es richtig Krieg

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