Aus Walter Krämers Rezension: Ein monumentaler Staatsroman
Der zweite Band beginnt mit dem verhängnisvollen Zug einer Vorhut des Freikorps Lichtschlag von Münster nach Wetter an der Ruhr. Dort soll es den inzwischen – nach zwei Tagen – von der legalen Reichsregierung verbotenen Streik beenden. Die Soldaten werden aber angegriffen, zehn von Ihnen und ihr Kompanieführer sterben, der Rest wird gefangengenommen.
Die Eisenbahnfahrt dahin wird von Horst Hensel so geschildert, als wäre er dabeigewesen: Die unwilligen Heizer auf der Lok, das teils devote, teils motzige Bahnpersonal, die innerlich hin- und hergerissenen Freikorpsmänner, sie stehen leibhaftig vor uns. Die Verhandlungen zwischen Arbeitern und Militär mit anschließendem Gemetzel auf und im Bahnhof Wetter eignen sich als Drehbuch für einen Westernfilm. Man müsste nur die Kostüme wechseln.
Dann wird es richtig Krieg. Der Rest des Freikorps folgt zu Fuß, will östlich an Dortmund vorbei. Hier ist Jakob mit seinem Motorrad als Krad-Melder unterwegs. Er sieht die Vorhut des Freikorps grölend durch den Bahnhof nach Wetter fahren, ihrem Ende entgegen, und muss zusehen, wie die Linken sich untereinander fast noch mehr bekriegen als den gemeinsamen Feind von rechts.: „Der nächste Militärzug würde kommen: aber was dann? Würde eine Gegenwehr nach Plan einsetzen oder eine Abfolge spontaner Handlungen? Der Feind hatte einen Plan. Die Genossen der drei Arbeiterparteien schienen keinen zu haben.“ (II, 99). Dafür aber viel Zeit und Energie für ideologische Grabenkämpfe aller Art. In Hensels einschlägigen Schilderungen schlägt sich ganz offenbar seine eigene Erfahrung aus linken Studentenzirkeln nieder. Immerhin kam man aber überein, zwecks effizienter Verwendung des knappen Mehls das Backen von Kuchen zu verbieten.
Zunächst kommt es in Dortmund nur zu Scharmützeln mit der lokalen Polizei. Dann versperrt man dem Freikorps Lichtschlag mit Gewalt den Weg, und während in Berlin die Putschisten ihre Koffer packen – immer wieder von Hensel in das lokale Geschehen eingeflochten – nimmt das Verhängnis 400 Kilometer weiter westlich seinen Lauf. Es wird geschossen, gestorben, verhandelt, diskutiert und desertiert, zunächst in Dortmund (Vertreibung der Putsch-Anhänger), dann in Essen und gegen Ende des Krieges bei einem erfolglosen Angriff auf die Festung Wesel. Hierhin hatten sich die unterlegenen Reichswehr- und Polizeitruppen zurückgezogen, konnten aber trotz anfänglicher Erfolge der Arbeiter nicht vertrieben werden, und trieben dann ihrerseits die Aufständischen unter großen Verlusten beider Seiten auseinander. Immer mit Host Hensel als imaginärem Zeitzeugen dabei.
In Pelkum zwischen Hamm und Kamen kommt es dann zum größten Massaker des Krieges. Die inzwischen von der legalen Regierung gegen die Aufständischen aufgebotene Reichswehr marschiert von Osten in zwei Kolonnen durch das Ruhrgebiet. Im Norden die bayerische Reichswehrbrigade Epp, kurz zuvor noch Freikorps Epp, das die schon in Auflösung befindlichen Reste der Roten Ruhrarmee gnadenlos zusammenschießt. Wie schon bei dem für die Regierungstruppen zu unheilvollen Marsch nach Wetter besticht die Henselsche Erzählung auch hier durch eine fast fotografisch genaue Schilderung des Militärs:
Das Bataillon war gefechtsmäßig ausgerüstet: ein jeder der Männer mit einhundertzwanzig Patronen, sie hatten eine Kanone und eine Haubitze dabei, Maschinengewehre und Handgranaten, sie führten Feldküchen mit sich mit, versorgt mit Lebensmitteln für vier Tage: die meisten Lebensmittel bezahlt, die Kartoffeln nicht; sie hatten eine Sanitätsstation dabei und in den letzten Güterwagen Reitpferde für die höheren Offiziere und Arbeitspferde zum Ziehen der Geschütze. (II, 466)
Auch die Militär-Akteure vergisst man aus verschiedenen Gründen nicht so schnell:
Während er sprach […], sah er an Röhm vorbei, an dessen halslosem Kopf mit dem runden Gesicht, den Narben von Einschüssen und Operationen darin, der kleinen Nase mit dem künstlichen Nasenbein, einer immer wieder kranken Nase, in deren Löchern sich Eiter zeigte, gelbliche Tropfen, die Röhm mit einem Schnarchlaut hochzog. Röhm schlenderte weiter, nickte nach links und nach rechts, nickte Leutnant Rudolf Heß zu, dem leinenführigen Kerlchen, nickte Leutnant Hans Rattenhuber zu, dem Haudrauf, nickte Fähnrich Alexander Malven zu, der aufstand, um ihm seinen Platz anzubieten, was Röhm abwies.
„Und, Malven, kommen Sie auch im Felde mit Ihrer Doktorarbeit weiter?“
„Textlich natürlich nicht“, antwortete Malven, „geistig aber sehr.“
„Ist doch was über Sparta, oder?“
„Jawohl. Heißt Sparta als Staatsidee für das Maschinenzeitalter.“ (II, 468)