Aus Walter Krämers Rezension: Ein monumentaler Staatsroman
Der dritte Band setzt das meisterhafte Episodenporträt des sozialen Wesens Ruhrgebiets 1920 mit teils bekannten, teils neuen Schauplätzen inklusive einiger Exkursionen in weiter entfernte Winkel dieser Erde fort: die Karfreitagsmesse des Atheisten Dr. Rinkendeel („Denn heute war es nach drei Jahren wieder so weit, dass am Nachmittag in der väterlichen Pauluskirche die Johannespassion aufgeführt werden würde“), eine Hochzeitsgesellschaft bei Frau Katharina in der Kantorei (von Hensel so detailgetreu und lebendig geschildert, als hätte er selbst Jahrzehnte in der Gastronomie gearbeitet), ein Jahrmarkt, als wäre nichts gewesen, in einer Parallelwelt jenseits von Mord und Totschlag, ein Besuch des Hauptmanns Röhm in einem Kohlenflöz. Auch hier ist in jeder Zeile zu riechen und zu spüren, dass Horst Hensel als Kind des Ruhrgebiets sehr gut weiß, wovon er schreibt. Geradezu kabarettreif ist das Ehepaar Röderberg aus Köln, Claire und Pitter, die mal kurz vorbeischauen um sich das Schlachtfeld von Pelkum als Touristen anzuschauen:
Sie fragte [den mit viel Mühe aufgetriebenen einzigen Taxifahrer am Bahnhof Kamen, wo sie aus den Zug aus Köln ausgestiegen waren] ob sich in Pelkum auch Bombentrichter befinden würden, zumindest zerbombte Häuser, auch Mauern mit Einschüssen, und als er nickte, fragte sie, wie viele Tote es gegeben habe. Einige hundert, übertrieb er, um ihre Vorfreude auf die Besichtigung Pelkums zu steigern, hat er doch gelernt das gut gelaunte Touristen ein gutes Trinkgeld zahlten. Frau Röderberg wirkte angeregt. (III, 109)
Und am Friedhof Pelkum, wo eine Frau an einem frischen Grab ihren wenige Tage zuvor erschossenen Mann beweint, sagt sie zu Ihrem Mann: „Pitter, gib der Frau jetzt mal stracks zwei Mark.“ Und nach etwas Nachdenken: „Du solltest diese Witwe mit zwei hinterbliebenen Kindern noch einmal Geld geben, also fünf Mark dafür, dass sie sich neben dem Grab fotografieren lässt, Zeugnis ablegt gegen den Krieg und gegen alle diese Schrecknisse hier.“ (III, 113)
Dann blendet Hensel über in den Kreml, wo Staatschef Lenin sich Gedanken macht, wie dieses marginale Aufmüpfen deutscher Arbeiter im Ruhrgebiet weltstrategisch einzuordnen sei, auch zu Reichspräsident Ebert nach Berlin, der hilflos zusieht, wie seine Partei und die ganze Weimarer Republik zwischen links und rechts zu zerbröseln anfängt, und zu einer surrealen Festveranstaltung des Industrieclubs Dortmund, wo man bei Champagner und „Forellenfiletstückchen auf einem Bett von Gurkenscheiben mit Dill“ darüber diskutiert, wie mit rebellischen Arbeitern am besten zu verfahren sei. Ob es nicht möglich wäre, die schädlichen sozialistischen mit den wertvollen nationalen Impulsen in einer neuen Partei zu vereinen? Zum Abschluss tanzen dann nur die Männer einen Tango.
Parallel nehmen die in Band I angesponnenen Handlungsstränge ein vorhersehbares oder auch überraschendes Ende: Frau Katharina wird erschossen, Arbeiter werden entlassen, Arbeiter arbeiten wieder, Bierbrauer Jakob, aus belgischer Kurzhaft nach dem Sturm auf Wesel zurück (die westliche Rheinseite steht unter belgischer Besatzung) sieht seine Henriette wieder. Wie es mit den beiden weitergeht, erfährt man nicht. Dafür hat Jakob bei den Belgiern was gelernt: „Weißt du, was Pommfritt sind?“ (III, 211). Und über seinen Vater kommen auch die Ideen des Dortmunder Industrieclubs bei ihm an: „Die Partei sei eine Arbeiterpartei. Einerseits. Aber eine mit Einschluss von Bürgern. Eine Versöhnungspartei. Eine für alle Klassen, für das ganze Volk. Eine richtige Volkspartei!“ (III, 247). Klingt nicht schlecht. „Kann man ja mal hingehen.“