Ein monumentaler Staatsroman

Horst Hensels Salz und Eisen

Von Walter Krämer

In: Literatur in Westfalen, Band 21, Bielefeld 2025, S. 335-342

In der Malerei heißt das „Pointillismus“: „Eine Stilrichtung des Neoimpressionismus, bei deren Malerei mit ungemischten Farbtupfern sich die Mischung der Farben erst optisch vollzieht.“ Die Gesamtwirkung entsteht mit etwas Abstand, aus zahllosen Detailimpressionen, so wie bei diesem monumentalen, mehr als 1000 Seiten starken dreibändigen Werk von Horst Hensel. In hunderten meisterhaft geschilderter Einzelszenen, dann doch wieder durch Personen und Orte vielfältig verflochten, entfaltet sich vor unserem Auge eine riesige Momentaufnahme des Sozialwesens Ruhrgebiet 1921, das an Realismus kaum zu überbietende Panorama einer städtisch-ständischen Nachkriegsgesellschaft inmitten eines neuen Krieges, der aus Sicht der Nachwelt keiner war: Der Aufstand des Ruhrgebiets gegen den Kapp-Putsch und die Reichswehr vom März und April 1920.

Am 13. März 1920 hatten meuternde Freikorps das Berliner Regierungsviertel besetzt und den bis dato vor allem durch reichstreue Parolen aufgefallenen ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten ausgerufen. Nach vier Tagen war der Spuk als Folge eines Generalstreiks sowie fehlender Unterstützung der Ministerialbürokratie und der Reichswehr zu Ende. Nicht aber im Ruhrgebiet. Hier erklären Arbeiter mit Waffen in der Hand (die hatten sie nach dem Weltkrieg mit nach Hause genommen) den Generalstreik zur „proletarischen Revolution“ und hören auch nach Absage des Putsches nicht zu kämpfen auf.

In Hensels Buch beginnt diese epische Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit auf Seite 47. Der Arzt Dr. Rinkendeel, Schüler des Mediziners Rudolf Virchow, trifft sich mit Kommerzienrat Kerzenschein in „Schäfers Kantorei“…

Fortsetzung: Der Generalstreik beginnt

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