„Wir lernen eine ganze Welt kennen“

„Was macht Hensels Geschichte so lesenswert, auch in ihrem epischen Umfang? {…} Wir lernen eine ganze Welt kennen: Zechen und Hütten, Hochzeiten und Kneipenversammlungen, Feldzüge und Schlachten, Vorlesungen über Kants »Kritik der reinen Vernunft« und Liebesgeflüster, wir gehen auf die Wochenmärkte, befinden uns im Reichskanzleramt und beim Reichspräsidenten, auch in der Reichsbank und auf einem Industriellentreffen, die Orte sind neben dem Ruhrgebiet mehrmals Berlin, Koblenz mit dem Headquarter der US-Truppen, Moskau mit Lenin, sogar Barcelona – und es gibt, bei aller Realistik, auch nächtliche Surrealismen, wenn nämlich Heinrich Heine auftaucht. Der Roman bietet eine ganze Welt. In aller Breite. Und von oben nach unten und umgekehrt. Das ist heute selten. {…}

Und der Stil? Er ist ironisch. Heldengesänge stimmt dieser Autor nicht an. Sein Deutsch ist reich und sehr genau. So reich und so genau, dass es gelegentlich anstrengt. Dann wünscht man sich als Leser, nicht mehr ständig auf eine Höhenwanderung mitgenommen zu werden, sondern eine Weile Rolltreppe fahren zu können. Hensel erzählt mit Absicht so, dass das Tempo der Geschichte in den Horizont passt, den die Menschen im Roman erleben und mit dem wachsenden Einblick steigt der Lesegenuss. {…} Besonders {den Frauen} widmet Hensel viel Aufmerksamkeit. Da gibt es die jungen Köchinnen Henriette und Auguste, da gibt es die königinnenhafte Frau Katharina, da gibt es Krankenschwestern an der Front  und am Ende sogar Kämpferinnen – und da gibt es die fast schon sagenhafte »olle Kalinna« in den Wäldern südlich der Ruhr. {…} Der Personen sind so viele, dass Hensel ihre Namen und Funktionen in einem Beiblatt aufführt. »Salz & Eisen« ist damit besser zu lesen als »Krieg und Frieden«“.

Oliver Baer: Der vergessene Aufstand. In: Sprachnachrichten, 1/2024, S. 38/39

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